Die Interactive Software Federation of Europe (ISFE) hat dem eSport neue Regeln gegeben: Ab sofort gelten die sog. Principles of eSport Engagement, die von eSportlern weltweit online und offline zu beachten sind. Doch die Spielprinzipien der ISFE haben Schwächen. Welche das sind und ob der eSport jetzt eine Verfassung hat, zeigt dieser Beitrag.

Die ISFE ist ein Lobbyverband, der mit Sitz in Brüssel die Interessen der einflussreichsten Player der eSport-Branche der Welt vertritt. Zu den Mitgliedern zählen Publisher und Spieleentwickler wie Blizzard, EA, Twitch, Ubisoft, Riot, game (Verband der deutschen Games-Branche) etc. (Quelle). Hier treffen sich also nur die großen Jungs; für eSportler und eSport-Teams ist die ISFE nicht zugänglich.

Die IFSE hat kürzlich ein Regelwerk für den eSport erlassen. Die Ziele der neuen Regeln lassen sich mit „fair and fun“ zusammenfassen. Mit den sog. Principles of eSport Engagement soll eine „verantwortungsbewusste, offene, engagierte und unterhaltsame“ eSport-Gemeinschaft gebildet werden (Quelle). Die IFSE nennt die vier Prinzipien (1) safety and well-being, (2) integrity and fair play, (3) respect and diversity sowie (4) positive and enriching game play.

Was regeln die Prinzipien?

Die vier Spielprinzipien legen im Grunde genommen fest, was ohnehin schon gelten sollte. Nach dem ersten Prinzip (safety and well-being) fordert die ISFE, dass jedes Mitglied der eSport-Gemeinschaft frei von Gewalt, Drohungen, Beleidigungen sowie sonstigen körperlichen oder psychischen Anfeindungen sein soll. Dieser Appell richtet sich also nicht nur an die eSportler, sondern auch an Personen außerhalb der eSport-Szene.

Das zweite Prinzip (integrity and fair play) besagt, dass eSportler nicht cheaten, hacken, betrügen oder „unehrliches Verhalten“ zeigen sollen und damit die Integrität des eSport untergraben sollen. Diese Regel richtet sich offenbar direkt an die eSportler. Welche Strafe im Falle einer Zuwiderhandlung zu erwarten ist, wird nicht festgelegt.

Das Respect-and-diversity-Prinzip beschreibt zunächst, dass sich im eSport viele Menschen mit verschiedenen Hintergründen und Kulturen sammeln. Daher ist ein Mindestmaß an gegenseitigem Respekt und Achtung im Umgang mit Gegnern, Teammates, Zuschauern, Organisatoren und allen anderen Beteiligten erforderlich. Dies gilt insbesondere hinsichtlich etwaiger Diskriminierungen aufgrund der Rasse, Alter, Sprache, Religion, sexueller Orientierung und spielerischer Fähigkeiten etc.

Das vierte Prinzip (positive and enriching game play) zählt zu den interessantesten. Denn dort werden lediglich skills beschrieben, die die Spieler nach dem ISFE mit Hilfe des eSports entwickeln können: Genannt werden u. a. Teamgeist, sprachliche Fähigkeiten, Selbstvertrauen und Kritikfähigkeit. Streng genommen ist das vierte Prinzip also gar kein Spielprinzip, sondern Werbung für den eSport.

Kritik an den Prinzipien

Als grundlegende Werte, die jedem eSport-Wettbewerb unterliegen, eignen sich die Spielprinzipien gut. Allerdings offenbaren die Prinzipien auch Schwächen. So hätte z. B. in das zweite Prinzip durchaus das Verbot mit aufgenommen werden können, Doping im eSport einzusetzen.

Darüber hinaus lesen sich die vier Prinzipien so, als gelten diese nur für die Spieler, Teams und Zuschauer. An keiner Stelle ist dem Regelwerk zu entnehmen, dass auch die Publisher und Spieleentwickler unmittelbar daran gebunden sind. Doch gerade nach dem Skandal um Blizzard und der Beschneidung der Meinungsfreiheit von Ng Wai „Blitzchung“ Chung im Zusammenhang mit den Hongkong-Protesten (Quelle) wäre eine entsprechende Selbstverpflichtung ein wahrlich gutes Zeichen der Versöhnung gewesen.

Was ist von den Prinzipien zu halten?

Die Prinzipien enthalten keine Regeln dafür, welche Strafe gelten, wenn jemand gegen den Prinzipienkatalog verstößt. Bei den Principles of eSport Engagement handelt es sich also nicht um verbindliche Regeln für eSportler, sondern lediglich um eine Verfassung moralischer Art. Die ISFE hat vielmehr grundlegende Werte zusammengefasst, die ab sofort bei jedem eSport-Wettbewerb weltweit gelten könne.

Die vier Spielprinzipien sind ein guter Anfang. Wichtig ist jedoch, es nicht dabei zu belassen, sondern ein möglichst universelles verbindliches Regelwerk für den gesamten eSport aufzubauen. Dabei wird es zukünftig unerlässlich sein, diejenigen bei der Formulierung und Festlegung der Regeln mit an Bord zu nehmen, für die die Regeln unmittelbar gelten sollen – die Spieler und Teams.

Dr. Oliver Daum, Rechtsanwalt (Kiel)

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